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Hund und Adler 2

E I N   T E A S E R 

1624

Isabel Montoya fasste ihre Machete fester. Wie man sich bloß so hilflos fühlen konnte, obwohl man doch eine Blankwaffe in der Hand hielt! Die 13jährige knirschte mit den Zähnen.
Sie war eine Sklavin auf einer Zuckerrohrplantage in den spanischen Überseekolonien. Sommer, Sonne, Sand und Meer…
Einen Fluch auf den Lippen beendete die Jugendliche das Leben (oder eher das Wachstum, obwohl sich Isabel nach einem Mord fühlte) einers weiteren Rohrs mit einem kraftvollen Hieb. Sie schleuderte ihr Haumesser so zu Boden, dass es aufrecht steckenblieb, als der Aufseher über ihre Gruppe eine Pause ausrief.
Isabels Blick wanderte zu den aneinander geketteten Kriegsgefangenen, die zur Arbeit in der Zuckerpresse getrieben wurden. Die Männer mussten nackt arbeiten, so dass sich nicht mehr sagen ließ, ob es es sich um Engländer, Franzosen oder Rebellen aus den aufständischen Niederlanden handelte.
„Na, das gefällt dir wohl, der Anblick?“ neckte der Aufseher die jugendliche Sklavin. Isabel schluckte hart und nickte. Der Spanier lachte laut! „Dachte ich mir! Aber du kommst auch noch in das Alter, wo du Klasse der Masse vorziehst. Und wenn es soweit ist, weißt du ja, wo du mich findest.“ Der Mann besann sich kurz. „Oder ich finde dich. Kann auch passieren.“
Geistesabwesend nickte Isabel erneut. Was der Aufseher da plapperte, drang kaum an ihr Ohr, geschweige denn ins Bewusstsein. Wie gebannt beobachtete sie die nackten Männer, bis auch der letzte im Haus, in dem die Pressen standen, verschwunden war. Doch der Aufseher hatte Isabels Motive völlig falsch eingeschätzt. Nicht einen Blick war der Heranwachsenden die Männlichkeit der Gefangenen wert gewesen. In deren Nacktheit, die sie eigentlich demütigen sollte, lag eine Würde, die sie selbst, Isabel, nie erlangen würde. Jeden dieser Männer hatte eine Nation für geeignet gehalten, in den Kriegsdienst eingezogen zu werden. Jeder war während einer Kampfhandlung in Gefangenschaft geraten, sowohl die Patrioten, die sich freiwillig zur Armee gemeldet hatten, als auch die von Presskommandos Zwangsverpflichteten, die lieber in ihren Werkstätten geblieben wären. Sie alle waren Opfer und das adelte sie in Isabels Augen, adelte sie in einer Weise, die den Männern niemand je würde absprechen können.
Isabel rollte den Ärmel ihres Kleides hoch und wischte sich mit dem blanken Unterarm den Rotz von der Nase.
„Erschöpft?“ forschte der Aufseher, die Flüssigkeit als Schweiß interpretierend. „Selber Schuld! Wir wollten dich in der Küche einsetzen, aber du musstest ja unbedingt hier draußen Piratenüberfall mit dem Rohrzucker spielen!“
Isabel schniefte erneut. Denn sie war kein Opfer, obwohl die Spanier sie ebenso wie die Gefangenen auf diese Kuba vorgelagerte Insel verschleppt hatten. Genaugenommen war sie sogar das Gegenteil: ein Täter.
Die männliche Form des Wortes sprang Isabel wie selbstverständlich ins Bewusstsein. Es fiel ihr leicht, sie auf sich selbst zu beziehen, hatte sie doch jahrelang als Junge verkleidet auf einem Piratenschiff gedient. Zuerst als Schiffsjunge, später als persönlicher Adjutant und Ersatzsohn des Capitano. Doch auch ein Piratenkapitän, ja selbst ein Piratenadmiral, hätte so etwas gegeben, blieb genau das: ein nichtswürdiger Krimineller.
Dafür hatte Isabel zu büßen. Zuerst für den Rest der ihr vom Herrgott eingeräumten Lebenszeit und anschließend in der Hölle. Und obgleich die verurteilten Verbrecher auf der Plantage eine etwas bessere Behandlung erfuhren als die schwarzen Sklaven oder die ausländischen, gar protestantischen, Gefangenen, empfand sich Isabel als der unterste Abschaum der Menschheit.

...

1649

In so vielen Nächsten war Isabel darüber in Tränen zerflossen, bis es zu viele wurden, um noch in einen einzigen menschlichen Traum zu passen. Die Piratin hatte oft noch geweint, nachdem sie bereits aufgewacht war, obwohl die Plantage doch weit, weit hinter ihr lag.
Seit nunmehr sechs Jahren hatte der Alptraum sie nicht mehr heimgesucht. Denn nun gab es einen Mann in Isabels Leben, Chien del´Onyx, den Schwarzen Hund der Spanish Main. Er liebte die Piratin in ihr und hatte sich mit der Engländerin zumindest arrangiert. Isabel schlief und wachte nicht mehr allein.
Die Kapitänin erinnerte sich noch genau daran, wie ihr Minderwertigkeitsgefühl in Hass umgeschlagen war, Hass auf diejenigen, die sie überhaupt erst zu einer Verbrecherin gemacht hatten. Und sie erinnerte sich an ihr Verlangen, es „denen“ heimzuzahlen - zuerst nur tödlich, dann grausam. All dies war nicht plötzlich aus dem Weltgedächtnis verschwunden, als sei es nie geschehen. Aber Isabel wurde nicht mehr von ihrer Vergangenheit beherrscht. Sie war frei, obwohl sie doch vor der höchsten Instanz an einen Mann gebunden war.

Isabel - deren Taufname eigentlich Jenny lautete – erwachte in der gemeinsamen Koje der beiden Kapitäne der Errant Eagle. Sie rollte sich näher an den Partner heran. Chien reagierte zuerst unbewusst, indem er seinen Arm um die Frau schlang. Dann dämmerte er aus seinen Träumen in einen Halbschlaf, was Jenny Gelegenheit verschaffte, ihre Gefühle ein wenig intensiver zu erforschen. Wieso musste sie gerade heute an die Plantage denken?
Ebenso allmählich, wie der andere erwachte, öffnete Jenny sich ihm.
Chien lauschte. Dem hochintelligentem Edelmann und versiertem Verhandlungsführer bereitete es keine Mühe, sofort zur Tagespolitik überzugehen. Viele Punkte, die Jenny anriss, konnte er sofort präzise auf den Punkt bringen.
Schließlich meinte die Kapitänin: „Unter den gegebenen Umständen sehe ich keine andere Möglichkeit als diese: Wir müssen Piraten werden.“
„Piraten?!“
Jenny lächelte wehmütig. „Das wolltest du doch immer!“
Vehement schüttelte Chien den Kopf. „Ich will nichts, das dich verletzt!“
„So ändern sich die Zeiten“, grinste Jenny. „Und nun müssen sie sich eben erneut ändern. Oder wir. Mit ihnen.“
Chien legte den Kopf schief. Er wartete.
„Nein!“ presste seine Frau plötzlich hervor. „Du hast Recht! Es gibt einen anderen Weg!“
„Aber…!“ Chien fuhr im Bett auf. „Aber wenn wir nicht so weitermachen wie bisher und auch nicht zur Piraterie übergehen, dann… dann bleibt nur noch eine einzige Option offen!“
Jenny regte sich weder, noch sprach sie auch nur eine Silbe. Chien starrte in ihre grau-blauen Augen. Es fühlte sich an, als ramme man einen Eisberg in der sagenumwobenen Nordpassage. „Wollen wir nicht lieber den Mond vom Himmel holen?“ ächzte er, halb ungläubig, halb vorwurfsvoll.
Jennys Eis schmolz ein wenig. „Das lässt sich arrangieren“, wisperte sie einladend. „Aber morgen dann – der neue Plan.“
Chien empfahl seine Seele sämtliche Heiligen zur Fürbitte an. Und dann holte er nicht nur den Mond, sondern auch noch alle Wandelsterne vom Himmel. Die Magie wirkte. Jennys Co-Captain und Ehegatte fühlte sich, als könne er alles erreichen!



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